Bewußtsein
Die Frage nach dem Wesen von Bewußtsein ist eng verbunden mit der Frage nach der Wirklichkeit.

Diese Frage, ob es vielleicht eine letzte ewige Wirklichkeit gibt, ist in Indien seit Jahrtausenden ein bestimmendes Thema des täglichen Lebens. Hier macht man seit ältesten Zeiten darauf aufmerksam, daß die Frage nach der Realität des Lebens in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Bewußtseinszustand des Menschen steht.
Wir kennen in der westlichen Kultur drei Bewußtseinszustände. Sie sind dem relativen Feld des Lebens zuzurechnen. Es sind das Wachen, der Schlafzustand und das Traumbewußtsein. Neurophysiologische Untersuchungen bestätigen, daß dies tatsächlich qualitativ unterschiedliche Erfahrungsebenen des Menschen sind, die jeweils Ihre eigene unzweideutige physiologische Entsprechung haben.
Jede dieser Bewußtseinserfahrungen erzeugt im Menschen eine eigene Wirklichkeit: Mit dem Wasser, welches ich im Wachbewußtsein trinke, kann ich auch den Durst im Wachbewußtsein löschen. Nur mit dem Wasser des Traumbewußtseins gelingt mir dies auch im Traum. Mit dem Wasser des Traumbewußtseins würde ich im Wachzustand verdursten und umgekehrt. Die Bewußtlosigkeit des Tiefschlafs entzieht sich völlig meiner Beobachtung. Was ist also in der menschlichen Erfahrung wirklich Realität?
Die alten indischen Weisen betonten immer wieder, daß es im gesamten relativen Bereich der Schöpfung nirgendwo irgend etwas gibt, was Bestand hätte. Alles ist ständig aufgrund des Einflusses der Zeit und der evolutionären Kraft der Natur der Veränderung unterworfen.
Diese Weisen erkannten und postulierten deshalb, daß nur die Erfahrung als wirklich bezeichnet werden kann, die vor allen bekannten Bewußtseinszuständen Bestand behält. Und sie bezeichneten diese eine Wirklichkeit als die ewige Wirklichkeit Brahmans.

Im Kaivalya-Upanishad belehrt der Meister den Schüler zu diesem Thema.

Er sagt dort:
Als Selbst wohnt Brahman allen Gestalten inne, jedoch vom Unwissen verhüllt.
Im ersten Zustand - die Menschen nennen diesen Zustand Wachen - wird er zum Einzelwesen und erfreut sich an Speise, Trank und anderen Genüssen. Im Traumzustand - die Menschen nennen diesen Zustand Träumen - ist er glücklich oder unglücklich durch das, was er im Traume erlebt. Und im Schlafzustand - die Menschen nennen ihn traumlosen Tiefschlaf - wird er vom Dunkel übermannt. Er erlebt nichts und erfreut sich der Ruhe.
Nach dem Tode wird er wiedergeboren, und die Umstände seines neuen Lebens werden bestimmt von seinen vergangenen Taten und den Gewohnheiten, die er angenommen hat. Sein Leben spielt sich von neuem in den drei Bewußtseinszuständen ab: Wachen - Träumen - traumloser Tiefschlaf. Solange er in diesen drei Zuständen lebt, ist er ein Einzelwesen. Als Selbst jedoch ist er unendlich und unteilbar; er ist (Reines) Bewußtsein, er ist Seligkeit. ... Er ist die Wirklichkeit hinter allem Sein.

Der Meister der Kaivalya-Upanishad betont dann mit Nachdruck:
Er ist das allerhöchste Brahman. Er ist in allem, er ist der Urgrund des Alls. Er ist feiner als das Feinste. Er ist ewig. Du bist er! Du bist er!
Er, der dies große Schauspiel des Wachens, Träumens, traumlosen Tiefschlafes schuf - ich bin er. Ich bin Brahman. Erkenne dies und sprenge alle Fesseln.
Die Schönsten Upanischaden, Swami Prabhavananda (Übers.), Zürich, 1962, S. 203f.

Der Mensch erfährt diese letzte Wirklichkeit Brahmans auf der allertiefsten Schicht seines Bewußtseins als Reines Bewußtsein oder Transzendentales Bewußtsein im Zustand der Meditation. Es ist dies ein vierter Hauptbewußtseinszustand.  In dieser Brahmanerfahrung des Bewußtseins löst sich jegliche Dualität auf und wird zur ständigen Erfahrung der Einheit. Diese Erfahrung wird von den erleuchteten Weisen Indiens als Sat, Chit, Ananda bezeichnet. Sat ist das ewige absolute Sein, Chit ist Bewußtsein und Ananda ist Glückseligkeit.
Beschränkt sich diese Erfahrung reinen Bewußtseins auf die Meditation, ist es die Erfahrung von Samadhi. Wird diese Erfahrung gleichzeitig mit den drei relativen Bewußtseinszuständen gelebt, ist der Zustand der Erleuchtung erreicht, in dem die ständige Erfahrung der letzten Wirklichkeit nicht mehr verloren gehen kann. Diese Bewußtseinserfahrung hat die Qualität eines fünften Hauptbewußtseinszustandes, er wird als Kosmisches Bewußtsein bezeichnet.

Die altindische (vedische) Überlieferung benennt darüber hinaus zwei weitere Bewußtseinszustände die in der menschlichen spirituellen Evolution möglich werden:
Gottesbewußtsein, oder verfeinertes Kosmisches Bewußtsein, in dem Wahrnehmungsfähigkeit auf den feineren Schöpfungsebenen, einschließlich der Fähigkeit der Gotteserfahrung ausgebildet werden. Sogenannte übernatürliche Fähigkeiten (Siddhis) entwickeln sich.

Das Ziel aller spirituellen Entwicklung schließlich ist Einheitsbewußtsein, der siebente Hauptbewußtseinszustand. In ihm wird die Erfahrung Wirklichkeit, daß das individuelle Selbst aufgegangen ist im absoluten. Der Unterschied von Du und ich, Ich und Gott, ich und das absolute Brahman hebt sich auf.

Die Worte, die der Mensch in upanishadischer Zeit   im Hochgefühl der Erfahrung der Einheit gefunden hat, sind so inspirierend, daß sie an dieser Stelle nicht vorenthalten werden sollen:

In diesen drei Zuständen Bin ich weder Genießer, noch das Genossene.
Ich bin der Zuschauer, Reines Bewußtsein, ewiger Geist.

Alles entsteht aus mir, Alles besteht in mir,
Und alles kehrt zu mir zurück. Ich bin Brahman, Einer ohne ein Zweites.

Kleiner denn Kleinstes, bin ich gleichwohl Größtes;
Ich bin das ewige Wesen, bin das All in seiner Fülle;
Ich bin der Herr der Welt, golden erstrahlend;
Ich bin das unbedingte, ewige Freie.

Die Schönsten Upanishaden, Swami Prabhavananda (Übers.), Zürich, 1962, S. 204
Wie ist dieses Bemühen nach letzter Erkenntnis zu bewerten? Ist der Mensch in seinem Bestreben, die letzte Wirklichkeit zu erkennen und zu verstehen, nicht völlig überfordert? Kann der Mensch mit seinem begrenzten Verstande die unendliche letzte Wirklichkeit überhaupt fassen? Ist es nicht richtiger, auf jegliche Überlegung zu diesem Thema zu verzichten, und sich demütig mit der scheinbaren menschlichen Unzulänglichkeit abzufinden? Oder gibt es vielleicht doch einen tiefliegenden Bereich des menschlichen Bewußtseins, jenseits und über der Begrenztheit des Tagesbewußtseins, der in der Lage wäre, die verborgene Ordnung und Kraft zu erkennen, die die Grundlage alles Existierenden ist?

Die uralte Weisheitslehre der Upanishaden, deren Überlieferung mehr als sechstausend Jahre zurückreicht, ist eindeutig. Sie besagt unzweifelhaft:

"Die Seele ist nur des Schöpfers Abbild. Nur weil Er in der Seele anwesend ist, macht dies die Seele zur Seele."
Chandogya Upanishad. VII. 3. 3.

Und weiter heißt es:

"Selbst der höchste Gott, der der Gegenstand aller unserer Anbetung ist, verweilt auch in dem winzigen Kämmerlein des Herzens. Die Seele vertritt im Mikrokosmos nicht nur die Schöpfung, sondern auch den Schöpfer. Ja sie integriert sogar für uns und in uns den Schöpfer mit seiner Schöpfung.”
Brihad. Upanishad. III.

Und schließlich:

"In dem kleinen, winzigen Mikrokosmos sind die Tendenzen des Makrokosmos bewahrt. So ist die ganze Schöpfung in der eigenen Seele ablesbar."
Prashna Upanishad. V.5.

Die Zitate bestätigen die in den Geheimlehren der Menschheit ausgedrückte Sicht der Wirklichkeit, die besagt, daß unsere bisherige Vorstellung, getrennt von unserer Umwelt zu existieren, auf eine fatale Täuschung unserer Wahrnehmung der Wirklichkeit zurückzuführen ist. Tatsächlich besteht die Realität des Lebens darin, daß es keine Trennung von Ich und Du, von Gott und Mir gibt.

Dies zeigt uns, daß unsere eigentliche Lebensaufgabe darin liegt, unsere göttliche Natur zu erkennen.

Es muß klar sein, daß dies mit den uns im Westen bekannten und gewohnten analytischen Mitteln der Wissensaneignung allein nicht geschehen kann. Die menschliche Vernunft hat eine Begrenzung, die dies nicht zuläßt. Die Vermittlung dieser Zusammenhänge muß deshalb auf einer ganzheitlicheren und unmittelbareren Ebene erfolgen. Hilfreich ist hier die symbolische Ebene, die Ebene der Bilder und Metapher. Wenn die upanishadische Sicht der Welt zutrifft, muß in jedem Menschen zumindest auf einer ganz tiefen Bewußtseinsebene die Fähigkeit bestehen, auch die letzten Schöpfungsgeheimnisse in dem erwähnten ganzheitlichen Sinne zu verstehen. Ja, wenn er bereit ist, diese Informationen auf sich wirken zu lassen, so muß zunehmend etwas wie leise Erinnerung dämmern und sei sie zunächst auch nur ein noch so vages Erahnen der Zusammenhänge. Sie wird schließlich in eine umfassende Wiederbelebung unserer eigentlichen göttlichen Natur münden und dazu führen, daß alle Ebenen unseres Seins davon durchdrungen und bestimmt sein werden.

Auf der Ebene unseres göttlichen Selbst (der Transzendenz) ist die Folge dann die Erfahrung von Einheit, auf der Ebene der Gefühle ist es die der umfassenden Liebe zur gesamten Schöpfung. Auf der Ebene des Bewußtseins ist das Ergebnis Intelligenz und geistige Klarheit, auf der Ebene des Körpers Gesundheit und auf der Ebene des Handelns werden die Aktivitäten in völliger Übereinstimmung mit allen Naturgesetzen verrichtet und die Unfähigkeit, Fehler begehen zu können, wird die Folge sein.

In der überlieferten Geschichte der Menschheit finden sich immer wieder Berichte von Menschen, die die vollständige Erfahrung der Wirklichkeit machen konnten, und war dies oft auch nur für jeweils kurze Zeit in ihrem Leben. In unserem christlich abendländischen Kulturkreis waren es unter anderen auch christliche Mystiker wie Jacob Böhme, Meister Ekkehard , die hiervon eindrucksvoll berichteten. Für sie gab es in der mystischen Schau keine Gegensätze mehr von hier und dort, ich und du, sondern nur Einheit, hier, jetzt, ewig, Ich, Gott. ...

In dem Maße, in dem im Menschen die Vertrautheit mit dem eigentlichen Grundzustand seines Bewußtseins wächst, wird es ihm auch möglich werden, zunehmend von diesem Bereich der Unendlichkeit aus zu handeln. Handlungen von dieser grundlegenden Schöpfungsebene ausgeführt, von der aus die Naturgesetze wirken, sind unendlich mächtig. Handlungen von dieser Ebene aus sind keinerlei Beschränkungen unterworfen, alles wird möglich. Es ist dies die Ebene von der aus "Wunder" vollbracht werden können. Es ist der Handlungsbereich des erleuchteten Zauberers.

Quelle:
Ulrich Wendlandt, Der Weg der alten Zauberer - Vom Ursprung magischer Stäbe, Cersken-Kanbaz-Verlag