Kuß
Seinen Ursprung soll der Kuß im Stillen der Mutter haben. Der Stamm des Wortes soll vom Sanskrit-Begriff cusati, „er saugt” kommen. Der Kuß als Liebesspiel ist dabei eine Nachahmung dieses Stillens oder auch des Vorkauens von Nahrung, das die antiken Griechen auch zwischen verliebten Erwachsenen kannten und hier und da bis in Gegenwart prakltiziert wird (Walker 1993, S. 592).

Mit einfachem Kuß gelang manchem Heiligen die Heilung von Kranken.

Das „Lexikon der Magie und Hexerei” beschreibt den „fünffachen Kuß” neuzeitlicher Hexen anläßlich der Wintersonnenwende, der zum Ritual des „Tanzes des Rades” gehört. Dabei küssen die männlichen Mitglieder des Hexenzirkels als Zeichen der Huldigung die weiblichen auf Füße, Knie, Lenden, Brüste und Lippen (Pickering 1999, S. 191).

Im Lehnswesen küßte der Vasall seinem Lehnsherrn den Ring und bekräftigte so seine Treue. Ähnliches gibt es auch gegenüber Papst oder Kardinal.

Wie wohl alles wurde auch dieser schöne Ausdruck der Vertraulichkeit, Achtung oder Liebe wurde mit dem Bösen in Verbindung gebracht.

Bekannt als falscher Kuß ist der Judaskuß. Dieser Kuß war das Zeichen, mit dem Judas gegen dreißig Silberlinge seinen Meister Jesus an die jüdischen Hohepriester verriet (Matthäus 26,48f., Markus 14,43-45, Lukas 22,47f.).

Beim Teufelspakt läßt sich der Teufel vom Vertragspartner unter den Schwanz küssen.

Auch bei der Aufnahme als Hexe anläßlich eines Hexensabbats in den Kreis der Hexen soll dieser obszöne Kuß (osculum infame) den Bund bekräftigen.

So ein Kuß war bereits dem Orden der Templer vorgeworfen worden, die angeblich bei der Aufnahme in den Orden dem Initiator auf Mund, Nabel und das Hinterteil küssen müssen.

Vor den Templern ereilte bereits der Sekte der Neumanichäer das Schicksal in Form eines Ketzerprozesses. Ihnen wurde unter anderem vorgeworfen, bei der Initiation einen Frosch geküßt haben, sowohl auf das Hinterteil wie auf den Mund, wobei die Zunge des Frosches ihnen in den Mund glitt. Ein weiterer Kuß galt einem hageren, bleichen und alten Mann, dessen Kuß jegliche Erinnerung an den katholischen Glauben austilgte (Habiger-Tuczay 1992, S. 93).

Dieser Kuß erinnert an den Kuß des Vergessens, mit dem im Märchen „Die wahre Braut” der Held die Erinnerung an die Braut gelöscht (ebd.), ein weiterer Kuß löst den Bann und läßt die Erinnerung wiederkehren (Grimm, KHM Nr. 186).

Im Märchen vom Froschkönig bittet der Frosch die Königstochter um einen Kuß, um seine menschliche Gestalt wiederzuerlangen (Grimm, KHM Nr. 1).

Um den Kuß rankt reicher Aberglaube. Wer als junger Mann sicher gehen möchte, daß die geliebte das auch bleibt, der lege sich beim Küssen die Zunge einer Schwalbe oder einer Turteltaube unter dem Mund. Ein neugeborenes Mädchen sollte zuerst der Vater küssen, einen neugeborenen Jungen die Mutter. Anderenfalls würde das Mädchen später einen Bart bekommen, der Knabe aber bartlos bleiben.

Mit freundlicher Genehmigung von: Andreas Zompro  http://www.das-schwarze-netz.de