Linga
Shiva-Linga
Der Linga (Phallus) ist in der indischen Mythologie Symbol Shivas. Er wird immer in Beziehung zur Yoni (Das weibliche Zeugungsorgan) und symbolisiert Shakti, die kosmische (weibliche) Energie. In der Vereinigung von Shiva und Shakti wird das Ziel der Schöpfung vollzogen.
Das Entstehen, die "Geburt" des Linga wird im Shiva Purana, im Linga Purana und im Agni Purana berichtet. Die Schilderung dieses Ereignisses fällt bereits in eine Zeit der Schöpfung, in der Götter und himmlische Wesen existieren.
Ebenso wie alle anderen Wesen sind auch sie der grundlegenden Täuschung des Lebens unterworfen. Sie haben die Erinnerung daran verloren, daß sie nur Aspekte Mahavishnus sind, zuständig für bestimmte Bereiche der Schöpfung, über die sie herrschen. Sie erfahren sich inzwischen als getrennt von ihm. Sie sind damit dem gleichen grundlegenden Irrtum verfallen, den zu klären auch wir für uns bemüht sind.
In der alten Überlieferung heißt es nun:
"Der erhabene Vishnu sprach: 'Es war ein all-eines Meer, furchtbar und unzerteilt, aus Dunkel gebildet. Mitten darin lag ich, das ewige Wesen, mit Waffen in den Händen, mit tausend Köpfen und Augen, tausend Füßen und Armen. Da sah ich in der Ferne gewaltig leuchtend, wie Myriaden Sonnen strahlend, den Gott, den die Veden als Herrn preisen: Brahma, von großem Yoga voll, mit vier Gesichtern: die gestaltende Ursache der Welt. In einem Nu war er bei mir, der höchste der Yogakundigen sagte voll großen Glanzes lächelnd zu mir: "Wer bist du? Woher bist du? Was weilst du hier? Das sag mir, denn ich bin der Schöpfer der Welten, der Ältervater, der aus sich selbst entstanden ist."
Als Brahma so zu mir sprach, sagte ich: "Ich bin der Schöpfer der Welten und ihr Vernichter Mal um Mal" - so breitete sich Hader zwischen uns beiden dank der Maya des Allerhöchsten. Um uns beide zur Erkenntnis zu wecken, erschien ein unvergleichlicher Linga: Shiva (als Mahavishnu) ist sein Wesen. Es sah wie das Feuer des Weltuntergangs aus und lohte rings von Flammenkränzen, es ward nicht kleiner und nicht größer, es hatte keinen Anfang, keine Mitte und kein Ende. Da sprach Brahma zu mir: "Geh du geschwind abwärts, ich will aufwärts gehen, wir wollen herausfinden, wo sein Ende ist." - so sprach der Ungeborene, und so wurden wir schnell einig und gingen: der eine aufwärts, der andere abwärts. Aber wir konnten beide ein Ende nicht herausfinden, und so trafen wir uns wieder. Wundern überfiel uns, und wir fürchteten uns vor Shiva. Von seiner Maya verblendet, sammelten wir uns in innere Schau auf den Herrn und riefen feierlich den großen Ruf, die Silbe OM, das höchste Wort, legten unsere Hände betend zusammen und priesen den Höchsten, den Friedebringer:

"Anbetung dem Friedebringer, dem Arzt für das Leiden des kreisend sich immer erneuernden Lebens, des Wurzel ohne Anfang ist: Shiva, dem Friedevollen, dem Brahman, dessen Gestalt der Linga ist! Anbetung ihm, der im Meer der Weltauflösung weilt, der das Entstehen der Auflösung bewirkt, der einem Flammenkranze gleicht und die Gestalt einer Feuersäule hat. Anbetung ihm, der ohne Anfang, Mitte und Ende ist , fleckenloser Glanz, stoffliches Urwesen der Welt, dessen Gestalt der unendliche Raum ist. Anbetung dem Wandellosen, Wahren voll unvergleichlicher strahlender Kraft, dessen Gestalt die Zeit ist: Shiva, dem Friedevollen, dem Brahman, dessen Gestalt der Linga ist!"

Als wir den großen Herrn priesen, offenbarte er sich, der große Yogin strahlte, er leuchtete wie Myriaden Sonnen, es war, als schlänge er den Himmelsraum mit seinen Myriaden Mündern. Er hatte tausend Hände und Füße, Sonne und Mond waren seine beiden Augen; ins Antilopenfell, den Schurz des Yogin gewandet, hielt der Erhabene den Bogen in Händen und führte den Dreizack, eine Schlange war die Opferschnur, die ihm um die Schulter und Hüfte lief, und seine Stimme war wie Wolkenpauken. Er sprach: "Ich bin erfreut, ihr beiden besten der Götter! Schaut mich, den großen Gott, an und laßt alle Furcht fahren! Vorzeiten seid ihr aus meinen Gliedern erzeugt worden, ihr Ewigen: Brahma, der Ältervater der Welten, in meiner rechten Seite, und in meiner linken Vishnu, der Erhalter, in meinem Herzen aber Hara, der die Welt vernichtend zusammenrafft. Ich freue mich wahrhaft an euch beiden und schenke euch, was ihr euch wünscht."

So sprach der Große Gott, und Shiva selbst umarmte mich und Brahma, und war voll großer Gnade. Da fielen Vishnu und Brahma frohen Sinnes vor ihm nieder und sprachen, in sein Antlitz blickend: "Wenn du uns eine Gabe schenken willst, so wollen wir ewig dir, dem Großen Gott , ergeben sein." - Da lachte der erhabene Herr auf und sprach freundlich zu mir: "Du, Herr der Erde, vollziehst Auflösung, Bestand und Entfaltung der Welten - Kind, Kind, Hari, schirme alles umher, was geht und steht. Ich bin zweimal gespalten durch die unterschiedlichen Kräfte der Weltentfaltung, Welterhaltung und Weltauflösung unter die Namen Brahma, Vishnu und Hara, und bin dabei doch unterschiedslos, aller schminkenden Färbung bar. Laß fahren deinen Wahn, o Vishnu, und gewähre dem Ältervater Brahma deinen Schutz, denn er wird dein ewiger Sohn sein, und ich werde, Gestalt eines Gottes tragend, zu Weltaltersbeginn aus deinem Munde geboren werden. Mit dem Spieß in den Händen werde ich, aus deinem Zorn geboren, dein Sohn sein."

So sprach der Große Gott und bezeigte Brahma und mir seine Güte und verschwand daselbst. Seit jener Zeit ist die Verehrung des Linga in allen Welten wohlbegründet. Der Linga ist das Brahman, ist höchster Leib des Brahman, das eben ist das göttlich-große Wunderwesen am Linga, davon wissen yogakundige Götter und Dämonen nichts. Denn das ist die höchste Erkenntnis, unentfaltet, nach Shiva benannt; mit ihr schaut, wer das Auge der Erkenntnis besitzt, das unwahrnehmbar Feinste, das Unausdenkbare."
Zitiert in:
Zimmer, Heinrich, Maya, der indische Mythos, Zürich 1952, S. 353ff.

Die uranfängliche Feuersäule (der Ur-Linga) ist ebenso wie die uranfängliche Schlange Ananta in diesem Vorschöpfungszustand Ausdruck von Shakti, und damit weiblich sind. In diesem Zustand befindet sich das Symbol noch in einem Zustand der Einheit mit seinem Shiva-Aspekt. Shakti ist sozusagen noch mit Shiva eins im Linga. 

Diese Wirklichkeit wird auch oftmals in Linga-Darstellungen ausgedrückt, in denen sich die Shakti als im Linga wohnend enthüllt.

Und dies entspricht ja eigentlich auch der letzten Wirklichkeit: Shiva und Shakti sind niemals tatsächlich getrennt. Trennung wird immer nur auf der Ebene von Unwissenheit unter dem Einfluß der Maya im relativen Bereich des Lebens empfunden.

Rein männlich, als Ausdruck der männlichen Zeugungskraft, wird der Linga folglich erst dann gesehen, wenn er in den Bereich der relativen Schöpfung übergegangen ist.

Der Linga benötigt nun (im Relativen) die weibliche Ergänzung, die Yoni, das Symbol des weiblichen Geschlechtsorgans, um erneut zum Gesamtsymbol der im Relativen erstrebten Einheit zu werden. Wir haben hiermit das Thema des Lebens überhaupt gefunden. Die Vereinigung von Shiva und Shakti, die Vereinigung von männlich und weiblich, um die Einheit des Lebens zu erfahren, in der jeder Widerspruch des Relativen seine Auflösung in Einheit, in Ganzheit findet.

Das Shiva Purana offenbart in diesem Zusammenhang einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt der einen Wirklichkeit. Hier heißt es:

Shiva (als Mahavishnu) hat die Gestalt von beiden, Yoni  und Linga . ... Das ganze Universum, einschließlich aller belebten und unbelebten Natur ist im Grunde nichts anderes als Bindu (Punkt) und Nada (Klang). Bindu ist identisch mit Shakti und Shiva ist eins mit Nada. Somit ist das Universum von Shiva und Shakti durchdrungen.

Bindu ist der Halt von Nada. Das Universum hat den Halt von Bindu. Beide, Bindu und Nada zusammen geben dem ganzen Universum Halt und Stütze. Die Vereinigung der beiden, Nada und Bindu wird Sakalikarana genannt, und das Universum wird als das Resultat aus diesem Sakalikarana geboren.

Das phallische Symbol ist identisch mit dieser Vereinigung von Bindu und Nada und die Ursache des Universums. Bindu ist die Göttin und Shiva ist Nada und die Vereinigung beider ist das phallische Symbol von Shiva. Die Göttin ist die Mutter, Shiva ist der Vater des Universums. Folglich soll der Fromme den Linga als Vater und Mutter (der Welt) verehren.

Es verwundert nicht, daß sich die Verehrung des Linga in vielen Kulturen wiederfindet, und das Linga-Phallus-Symbol im Laufe der Geschichte viele Formen angenommen hat.

Zitiert mit Genehmigung des Autors aus:  Ulrich Wendlandt, Der Weg der alten Zauberer, Cersken-Kanbaz-Verlag