Wünschelrute oder Haselrute

Alle Zauberstäbe, alle Stäbe der Macht oder rituelle Stäbe ganz allgemein sind Abbilder des ewigen Weltenbaumes, der identisch ist mit dem Ur-Linga; und dieser ist, eins mit dem absoluten Brahman, eins mit der unendlichen Macht Mahavishnus. Jeder Träger eines solchen Stabes wird damit auch zum "Träger" dieser Macht. Stäbe dieser Art werden in den Kulturen der Völker vielfältig beschrieben. In einem erweiterten Sinne gilt dies auch für die Haselrute.
Bei der einfachen Bevölkerung hatte in der Vergangenheit in unserem Kulturkreis der vielfältige Gebrauch der Haselrute eine besondere Bedeutung. Am bekanntesten war und ist noch heute ihre Funktion als Wünschelrute. Es ist die Form des Stabes, die sicherlich am häufigsten mit dem Bild eines Zauberstabes in Verbindung gebracht wird. Denn es muß dem unwissenden Beobachter schon mysteriös erscheinen, wenn der Haselzweig in den Händen des Rutengängers ein eigenständiges Leben anzunehmen beginnt, wenn er dem Sucher, scheinbar wie von selbst in dessen Händen zuckend, verborgene Schätze, Erze oder auch Wasseradern anzeigt.

Noch bis in unser Jahrhundert hinein wurde die Wünschelrute von den Menschen als Abbild des Weltenbaumes angesehen. Ihr gemeinsamer Ursprung mit den anderen Stäben der Macht, von denen bereits berichtet wurde, ist damit noch augenscheinlich. Dennoch ist sie ein gutes Beispiel für die zunehmende Verdunkelung der Erinnerung an ihren eigentlichen göttlichen Ursprung. Ihre Abstammung vom Stab des Druiden, der für das Wohlergehen seiner Gemeinschaft spirituell und materiell die Verantwortung trug, ist nahezu vergessen.

Nach alter Überlieferung brach man sie aus einem wilden Haselstrauch. Die Gabel mußte makellos und in einem Jahr gewachsen sein. Sie mußte im Baum in der Weise wachsen, daß Ost- und Westsonne durch die Gabel scheinen konnte. Wer sie brechen wollte, mußte an einem Sonntag zwischen drei und vier Uhr morgens stillschweigend zur Rute gehen, sein Angesicht nach Osten kehren und folgende Formel sprechen: "Gott segne dich edles Reis und Sommerzweig!" Auch die Benutzung war in früheren Zeiten mit dem Gebrauch magischer Zauberformeln verbunden.

Man kannte früher für die verschiedenen Anwendungsbereiche mehrere Rutenarten, die Feuerrute, Brandrute, Springrute, Schlagrute und Beberute. Auch in alten Zeiten wurden schon, ebenso wie heute noch, Ruten aus Metall benutzt. Überliefert ist der Gebrauch von Ruten aus Messing und auch aus Gold. Man glaubte mit der Rute verborgene Schätze, Erzadern und Wasserquellen, ja, auch Mörder und Diebe, finden zu können. In alten Zeiten wurde die Wünschelrute als echter Zauberstab zum Auffinden verborgener Gegenstände angesehen. Dabei ordnete man die Rute auch Gott Wodan zu, der als der Hüter verborgener Schätze galt.

In unserer Zeit erklären wir uns die Wirksamkeit der Rute dadurch, daß sie in der Lage ist, die feinstoffliche Wahrnehmungsfähigkeit des Rutengängers sichtbar zu machen. Heute sind neben hölzernen und metallenen auch Ruten aus Kunststoff im Gebrauch. Es ist bekannt, daß selbst Ölgesellschaften sich nicht scheuen, Rutengänger zur Erschließung neuer Quellen einzusetzen. Dies dürfte ein untrügliches Zeichen für die Effektivität dieser Methode sein.

Es gab viele Abarten der Wünschelrute, von denen uns die Überlieferung berichtet. So wurde die Haselrute auch als Zähmezweig getragen, der allen bösen Zauber zunichte machen sollte. Die Bauern trugen ihn noch bis in unser Jahrhundert, indem sie beim Gehen ihren Daumen, (den Glücksfinger Odins) oben in die Astgabelung legten.

Zitiert mit Genehmigung des Autors aus: Ulrich Wendlandt, Der Weg der alten Zauberer - Vom Ursprung magischer Stäbe, Cersken-Kanbaz-Verlag